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Gast-Kommentar
Region Rheintal
01.05.2025
01.05.2025 18:12 Uhr

«Weg mit den Autofahrern»

Bild: Marina Lutz
Wenn es so weiter geht, wird die SFS bald für einen Umweltpreis vorgeschlagen – statt für einen Wirtschaftspreis. Zu diesem Schluss kommt Kolumnist Stefan Millius.

Es ist eine beliebte neue Sportart, das sogenannte «Nudging». Behörden oder Firmen wollen uns an das «richtige» Verhalten heranführen mit einer Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche. Wer sich an die Regeln des neuen Zeitgeists hält, wird belohnt, wer nicht, dem macht man das Leben schwer.

Ein gutes Beispiel dafür ist die jüngste Aktion der SFS in Heerbrugg. Dort findet man, die Mitarbeiter könnten auch mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, dem Velo, zu Fuss, per Scooter oder, wer weiss, dereinst mit einer Personendrohne am Arbeitsplatz erscheinen. Deshalb wird das Parkieren auf dem firmeneigenen Platz neu kostenpflichtig. Dafür gibt es einen Zustupf an die Kosten für Bus und Bahn.

Das Ganze nennt sich «Mobilitätskonzept» und findet in Zusammenarbeit mit der «Mobilitätsallianz Ostschweiz» statt. Die wurde einst vom Kanton St.Gallen zusammen mit dem Tarifverbund Ostschweiz, der Gemeinde Uzwil und der Bühler AG in Uzwil ins Leben gerufen. Bühler, SFS: Irgendwie typisch. Es sind nur die grossen Konzerne, die sich solche edel klingenden Freizeitaktivitäten leisten können. Ein KMU muss sich auf die Arbeit konzentrieren.

Wo Mobilität drauf steht, ist heutzutage in aller Regel Grün drin. Man wolle einen Drittel des Personals, das heute noch auf das Auto setzt, zum Umsteigen bewegen, lässt man bei SFS verlauten. Dafür scheut man keine Mühen, sogar der Busfahrplan in diese Richtung wird dichter. Und weil es nach der längst erfolgten Abschaffung der Eigenverantwortung natürlich nicht nur um Umwelt und Klima, sondern auch um die eigene Gesundheit geht, werden besondere Anreize für die Mitarbeiter ausgelobt, die sich weder für Auto noch für ÖV entscheiden, sondern auf zwei Rädern oder zwei Füssen zur Arbeit kommen.

Keine anderen Probleme

Nun kann die SFS als privates Unternehmen natürlich tun und lassen, was sie will. Staunen darf man dennoch. Offenbar ist der Konzern weder von Donald Trumps Zoll-Aktivitäten noch von der allgemeinen Wirtschaftslage betroffen. Anders lässt sich nicht erklären, dass SFS Zeit, Musse und Geld hat, sich am Laufmeter der Rettung der Welt zu widmen. Nachdem diese nicht in Form eines Windrads durchgeführt werden kann, bewahrt nun eben ein «Mobilitätskonzept» den Erdball vor dem Verglühen.

Vielleicht hat man in Heerbrugg den Spruch «Go woke, go broke» noch nie gehört. «Wokeness» im klassischen Sinn betreibt die SFS zwar nicht, auch wenn es erste Anzeichen dafür gibt (die Stellenausschreibungen richten sich bereits an «m/w/d»). Aber etwas ausgeweitet kann man auch die verzweifelten Bemühungen, als möglichst ökologisches Unternehmen gesehen zu werden, unter dieser Marke verbuchen.

Wo bleibt das Kerngeschäft?

Es tut Unternehmen auf lange Sicht selten gut, sich nicht einfach darum kümmern, besser zu werden, sondern stattdessen so viel Kräfte in die Erfüllung der Wunschliste apokalyptischer Hysteriker zu stecken, die uns das nahende Ende prophezeien. Man verliert schnell mal den Fokus auf die eigentliche Aktivität, wenn der Nachhaltigkeitsbericht schon fast wichtiger ist als die Geschäftszahlen.

Übrigens ist die Erreichbarkeit eines Arbeitsplatzes ein ziemlich gewichtiger Faktor beim Personal. Wird man angestellt mit der Aussicht auf einen kostenlosen Parkplatz und erlebt dann, wie plötzlich die Spielregeln geändert werden: Nicht alle Angestellten dürften das besonders prickelnd finden. Und bei der SFS arbeiten auch Leute, die gerade bei der heutigen Marktlage kaum Mühe haben werden, sich neu zu orientieren.

Aber zugegeben, das ist nur mal wieder mein übliches kleingeistiges Format. Man sollte ja grösser denken. Wenn die Pariser Klimaziele erreicht und der Klimawandel gestoppt wird und dadurch unsere Kinder nicht in wenigen Jahren auf dem Weg zur Schule den Hitzetod erleiden, und das alles nur, indem man Firmenparkplätze in Heerbrugg kostenpflichtig macht – dann lohnt sich das natürlich, keine Frage.

Stefan Millius ist Journalist, Kolumnist, Buch- und Drehbuchautor und wohnt in Au.

stefan@millius.ch

www.stefanmillius.ch

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