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04.11.2021
05.11.2021 10:53 Uhr

Staaderin durchlebt 262-tägigen Lockdown

Bild: Facebook.com
Australien mit seinen rund 25 Millionen Einwohnern lebt seit Beginn der Krise weitgehend abgeschottet von der Außenwelt. Laura I. aus Staad lebt seit 2016 in Melbourne und erzählt im rheintal24-Interview, wie sie den Lockdown in Down Under erlebt hat.

Im Großraum Melbourne haben Restaurants, Schulen und Friseure wieder offen. Der Grund: Seit vier Tagen sind 80 Prozent der Menschen vollständig geimpft. In 12 Tagen sollen 90% doppelt geimpft sein. Was der lange Lockdown für die Bevölkerung in Melbourne bedeutet hat und unter welchen Umständen die Leute gelebt haben, erzählt uns Laura I., die vor ihrer Auswanderung nach Australien in Staad gelebt hat.

Laura, wie lange lebst Du schon in Melbourne?

Ich lebe mittlerweile seit fünfeinhalb Jahren zusammen mit meinem Partner, der aus Kolumbien stammt, in Melbourne. 

Was hat sich durch den Umzug in Deinem Leben verändert?

Australier sind relaxt und sehr locker. Sie planen nicht alles, sondern leben von Tag zu Tag. Wir Schweizer sind sehr organisiert und strukturiert. Für alles ist man abgesichert. Die beiden Länder ähneln sich in vielen Bereichen - in Australien sind die Leute einfach gelassener. Wenn man im Ausland ein neues Leben aufbaut, ändert sich zwangsläufig einiges. Wohnung suchen, Einrichtung organisieren, Job suchen - vor allem am Anfang ist man wirklich gefordert. 

Wie hast Du Dich eingelebt?

Sehr gut. Es ist nicht wahnsinnig schwer, sich hier wohlzufühlen. Die Australier sind sehr offen und die Metropolen hier haben internationale Strahlkraft. Das spürt man im Umgang mit den Menschen hier. 

Warum verschlägt es einem genau nach Australien? 

Der Liebe wegen. Mein Partner hat in Melbourne studiert und die Stadt passte einfach zu uns. Wir lieben das Leichte und die Lebendigkeit hier. Und gerade die Region Yarra Valley ist traumhaft schön. 

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Gibt es Dinge aus oder an der Schweiz, die Du aktuell vermisst?

Natürlich. Meine Familie und meine Freunde fehlen mir. Manchmal auch die Schweizer Küche. Auch die vier Jahreszeiten in der Schweiz haben durchaus auch Vorzüge. Die Hitze hier ist ab und an extrem. Ein schöner Wintertag in den Bergen ist natürlich auch nicht zu verachten. Und in relativ kurzer Zeit von einem Land zu einem anderen zu fahren, sehe ich heute als Privileg. 

Und was fehlt Dir gar nicht?

Das teilweise kleinkarierte und engstirnige Denken. Alles ist so geregelt und reglementiert. Klar, das gibt auf der einen Seite Sicherheit, auf der anderen Seite ist es aber auch anstregend. 

Australien hatte den längsten Lockdown aller Länder. Wie hast Du diese Zeit erlebt?

Die australische Regierung hat schnell und konsequent reagiert. Mir war von Anfang an klar, dass der Lockdown länger dauern würde. Die Massnahmen waren streng ausgelegt. Ich arbeite in der Gastronomie. Dieser Geschäftszweig wurde zuerst geschlossen und bei den Lockerungsmassnahmen zuletzt wieder geöffnet. 

Wie lange hast Du Deine Familie nicht mehr gesehen?

Über zwei Jahre. Meine Mutter und meine Schwester haben mich an Weihnachten 2018 letztmals besucht. In die Schweiz reisen konnte ich während der Pandemie leider auch nicht. 

 

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Wie sieht es derzeit in Melbourne aus?

Seit der Öffnung am 21. Oktober ist alles wieder entspannter. Die Strassen und Restaurants sind voll und belebt. Die Menschen gehen wieder shoppen und besuchen Restaurants und kulturelle Anlässe. Die Leute sind zwar immer noch vorsichtig, aber ich denke, aktuell haben wir die Sache ziemlich im Griff. Seit vier Tagen sind 80% doppelt geimpft und in 12 Tagen sollten 90% geimpft sein. Von dieser Impfquote kann die Schweiz wohl nur träumen. Die Regierung hat früh kommuniziert, dass etappenweise geöffnet wird, sobald 70% der Bevölkerung geimpft sind. Die Impfrate steigt stetig. Und seit Mitte Oktober müssen alle Arbeitenden geimpft sein. Auch dies ist ein wesentlicher Unterschied zur Schweiz. 

Wie ist generell die Stimmung in Melbourne?

Die Leute sind extrem happy. Jeder gibt Geld aus. In der Lockdown-Zeit konnte man ja finanziell sparen. Hinzu kommt das tolle Wetter. Am letzten Montag hat bei uns der Sommer angefangen. 

Wie sieht der Arbeitsmarkt nach der Pandemie aus?

Wie in der Schweiz fehlt im Gastrobereich Personal. 90 Prozent der Visahalter sind nach Hause geflogen, weil sie am Anfang der Pandemie finanziell zu wenig Unterstützung bekommen haben. Auch Köche sind aktuell sehr gefragt. Studenten überlegen sich, ob sie überhaupt nochmals hier her kommen sollen. Die Baubranche ist auch stark unterbesetzt. Die Arbeitgeber versuchen Leute mit guten Löhnen und Spezialprämien zu locken. Visas werden jetzt teils schneller und günstiger erteilt. Der Staat hat natürlich auch gemerkt, dass es ohne Migration nicht geht.

Die ersten Öffnungsschritte wurden umgesetzt. Wie sehen diese aus?

Mit Zertifikat und QR-Code ist praktisch wieder alles möglich. Drinnen bleibt aber Maskenpflicht, auch mit Zertifikat. Ebenfalls ein Unterschied zur Schweiz. 

Wie sieht es mit dem Tourismus aus? Darf man einreisen?

Nein, noch nicht. Wer kein Dauer-Visum besitzt, muss noch warten. 

Was für Auswirkungen hatte der Lockdown auf das gesellschaftliche Leben?

Auch bei uns war man mit existentiellen Sorgen konfrontiert. Wie in der Schweiz wurde auch die Gewalt innerhalb der Familie vermehrt zum Thema. Und es wurde mehr Alkohol getrunken, wobei diese Thematik in Australien schon vor dem Lockdown Dauerthema war. Die «Aussies» bechern gerne. 

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Wie hast Du Dir die Zeit während des Lockdown vertrieben?

Ich bin während des Lockdowns umgezogen und habe dann in einem Anflug von Aktionismus das Haus neu gestrichen. Dann habe ich viel Sport getrieben und mir natürlich auch das eine oder andere Glas Wein gegönnt. Man muss sich ja auch weiterbilden. 

Monatelang hat Australien die Zero-Covid-Strategie versucht. Das ist nicht ganz aufgegangen, oder?

Zu Beginn der Pandemie hat es ausgesehen, als könnte diese Strategie funktionieren. Der Staat hat vieles richtig gemacht. Wir hatten im Vergleich mit dem Rest der Welt eine tiefe Sterblichkeit und insgesamt wenig Fälle. Trotzdem war es hart für uns, ein Jahr praktisch zum Nichtstun verbannt zu sein. Gerade für Familien mit Kindern war diese Zeit mehr als herausfordernd. 

Gelten in Australien auch die 3Gs?

Die 3G's gab es bei uns nie. Wir hatten und haben auch keine Schnelltests. Entweder ist man geimpft oder genesen. Dazwischen gibt es nichts. 

Ist die Polizei streng bezüglich Einhaltung der Regeln?

Extrem streng. Die Bussen sind hoch. Würde ich als Leiterin eines Restaurant eine ungeimpfte Person reinlassen, hätte dies eine Busse von 100'000 Dollar zur Folge. Und die Kontrollen werden immer häufiger. 

Die letzte Frage. Wenn die Pandemie dereinst aufgehoben ist, was wirst du als Erstes tun?

Ich will in die Schweiz und meine Liebsten in die Arme schliessen.

 

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Laura I. hat ihre Ausbildung als Restaurationsfachfrau in der Schweiz im Waldhotel Davos angefangen. Später war sie im Hotel Einstein in St.Gallen tätig und hat dort ihr Ausbildung abgeschlossen. Im März 2016 entschied sie sich die Schweiz zu verlassen. Heute lebt sie mit ihrem Partner in Melbourne. Die 28-Jährige leitet ein Wine-Tasting-Restaurant.

rheintal24/gps