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Eichberg
06.10.2021
06.10.2021 12:36 Uhr

Lebt der Mörder noch unter uns?

Im neuesten Buch des Spiegel-Bestsellerautors Axel Petermann wird der Kristallhöhlenmord ausführlich behandelt
Im neuesten Buch des Spiegel-Bestsellerautors Axel Petermann wird der Kristallhöhlenmord ausführlich behandelt Bild: Gerhard Huber
In der Lesung aus seinem Buch «Im Namen der Toten» behandelte der Spiegel-Bestsellerautor, Profiler und Tatortanalytiker Axel Petermann am Dienstagabend im Landgasthof Hölzlisberg den vor 39 Jahren verübten «Kristallhöhlenmord».

Vor nunmehr gut 39 Jahren legte sich der Schatten des Bösen über die Kristallhöhlen bei Oberriet. Zwei junge Mädchen, Karin G. (15) und Brigitte M. (17) wurden ermordet und ihre Leichen erst Monate nach der Tat im unwegsamen Gelände entdeckt. Dass die Oberrieter nach wie vor mit dieser unerklärlichen Tat hadern, zeigte sich bei der gestrigen Lesung des Tatortanalytikers und pensionierten deutschen Profilers Axel Petermann aus seinem neuesten Bestseller «Im Namen der Toten».

Dem unbekannten Täter auf der Spur?

Es waren nämlich über 120 Zuhörer in den Landgasthof Hölzlisberg gekommen, um zu hören, was Petermann in seinem Buch über den Kristallhöhlenmord schreibt. Ob er bei seinen nunmehr drei Besuchen im Rheintal dem unbekannten Täter auf die Spur gekommen ist. Um zu erfahren, in welche Richtung die wenigen vorhandenen Beweise deuten.

Axel Petermann würzte in Hölzlisberg seine Lesung aus seinem neuesten Werk immer wieder mit Exkursen zu seinen persönlichen Gedanken auf Bild: Gerhard Huber

«Meiner Meinung muss es jemand aus der Region, jemand aus der näheren Umgebung gewesen sein, der die Gegebenheiten rund um die Kristallhöhle sehr gut kannte», sagte Axel Petermann vor dem Vortrag in einem Exklusivinterview zu rheintal24. «Und ich bin der Überzeugung, dass es eine Zufallstat war. Ohne Verabredung, ohne Planung. Und dass die Tat der älteren der beiden Mädchen galt. Die Kleine hatte nur das Pech, dabei zu sein.» Die als Täter in Frage kommenden Männer seien bei den polizeilichen Ermittlungen auch überprüft worden, es hätten sich aber keine Beweise gefunden, die eine Anklage gerechtfertigt hätte.

Ein kräftiger und dominierender Mann

Bereits bei seinem Vortrag vor zwei Jahren in Oberriet hatte Axel Petermann berichtet, dass der Täter mit grosser Sicherheit ein kräftiger, dominierender, aber an seiner Macht zweifelnder Mann im Alter zwischen 28 und 35 Jahren mit sehr guten Ortskenntnissen gewesen sein müsste. Ein Mann, der seine Gewalt unter Kontrolle hatte und nur auf den Endzweck gerichtet einsetzte. Sexuell inkompetent, aber keine pädophilen oder sexistischen Neigungen aufwies.

Von vielen Besuchern in Hölzlisberg wurde im Pausengespräch mit schlichter Verständnislosigkeit kritisiert, dass die Schweiz zu den ganz wenigen Ländern der Welt gehört, in denen ein Mord nach dreissig Jahren verjährt und damit strafrechtlich nicht mehr verfolgt werden kann. Hätte sich der Kristallhöhlentäter im Gasthof aufgehalten, er hätte aufstehen können und gestehen. Ohne dass ihm auch nur eine Minute Gefängnis drohen würden.

In Bern lautstark kritisiert

Was der im Saal bei der Lesung anwesende NR Mike Egger ja schon vor zwei Jahren in Bern lautstark kritisiert hatte. Mord darf nicht verjähren. Sogar sämtliche damals sichergestellten Beweise wurden inzwischen von den Ermittlungsbehörden aus der Asservatenkammer entfernt und vernichtet.

Nationalrat Mike Egger, der gegen die Verjährung von Mord nach dreissig Jahren eintritt, war unter den vielen Zuhörern des Lesung Bild: Gerhard Huber

Wissenschaftliche Quantensprünge

Schade, denn die Kriminaltechnik und Ermittlungsmethoden haben in den letzten 37 Jahren wissenschaftliche Quantensprünge erlebt. So auch das «Profiling», also die Operative Fallanalyse, wonach der Schlüssel zur Klärung eines Tötungsdeliktes durch die Interpretation der Spuren am Tatort und der Analyse der Opferpersönlichkeit zu finden ist.

So wird das Rätsel um den Kristallhöhlenmord wohl auch weiterhin ungelöst bleiben. Nicht einmal die Ursache für die tödlichen Schädelfrakturen der beiden jungen Opfer ist gewiss. War es ein Schlag? Oder war es ein Sturz? Oder sind die beiden zu Tode gewürgt worden? Wofür es auch Spuren gibt. Petermann bleibt vage.

Felsplatte wirft Fragen auf

Auch die mysteriöse Felsplatte mit einem Gewicht von ungefähr 600 kg, die über die Leiche von Brigitte M. gelegt wurde, wirft nur Fragen auf. Wie hat es der Täter geschafft, diese Steinplatte von ihrer Abbruchstelle über fünf Meter zur Leiche zu bewegen? Oder waren es mehrere Täter? Wie wurden die toten Mädchen überhaupt zu den im äusserst unwegsam gelegenen Fundorten verbracht? Gleich nach dem Tod? Oder erst einige Zeit später?

Diese Fragen kann Axel Peter verständlicherweise in seinem Buch nicht abschliessend beantworten. «Ich war selbst überrascht, wie sehr sich der Kristallhöhlenmord in meinem Kopf immer mehr verselbständigt hat und es mich immer wieder hierher ins Rheintal gezogen hat.» Petersen las immer nur kurz Abschnitte aus seinem Buch. Und brachte dann seine persönlichen Gedanken und Erlebnisse ein.

Zu Unrecht im Kreis der Verdächtigen

Wie stark die vor nahezu vierzig Jahren passierten Geschehnisse die Leute beschäftigen, sah man, als unmittelbar nach Ende der Lesung ein Achtzigjähriger aufsprang und sich bei Axel Petermann beschwerte, ihn zu Unrecht in den Kreis der Verdächtigen aufgenommen zu haben. Es stehe einiges in dem Buch, dass als Belastung von ihm aufgefasst werden könnte.

Der Achtzigjährige hatte Petermann bei seinen Recherchen zu der Kristallhöhle geführt. Was er dort zu Petermann gesagt habe, sei von diesem nicht korrekt wiedergegeben worden. In einem Wortwechsel vor dem ganzen Publikum verneinte Petermann, den Achtzigjährigen belastet oder falsch zitiert zu haben.

Bis heute besteht in Kobelwald und Oberriet der Verdacht, der Mörder finde sich noch immer unter der Bevölkerung. Ja, vor nunmehr 39 Jahren legte sich der Schatten des Bösen über die Kristallhöhlen. Und deren Umgebung.

rheintal24/gmh/uh