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Heerbrugg
21.04.2021

Vom Überschwemmungstal zum Hightech-Valley

Dieter Holenstein, in St.Gallen lebender Rheintaler, hat ein lesenswertes Buch über die Entwicklung der Heerbrugger Präzisionsbetriebe geschrieben Bild: zVg
Der neuste Band in der Reihe «Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik», geschrieben von Dieter Holenstein, untersucht erstmalig die Geschichte des Unternehmensclusters Heerbrugg in der Rheintaler Präzisionsindustrie.

Ausgangspunkt und Zentrum der heutigen präzisionstechnischen Industrie bildet Heerbrugg, wo der deutsche Flüchtling und Eisenbahnförderer Karl Völker ab den 1860er Jahren mit der Drainage des nassen Landes begann und damit verbunden eine Ziegelei gründete. Diese bildete die Keimzelle des späteren Weltkonzerns der Familie Schmidheiny. Wie deren Stammvater Jacob Schmidheiny (1835–1905) kamen viele der folgenden Unternehmensgründer aus einfachen Verhältnissen und profitierten von einem erfreulichen Mass an sozialer Durchlässigkeit.

Ein Leckerbissen für jeden historisch interessierten Rheintaler: das Buch von Dieter Holenstein Bild: zVg

Das St. Galler Rheintal stellt in der Schweizer Wirtschaftsgeschichte einen faszinierenden, ja einzigartigen Spezialfall dar. Innerhalb von lediglich Jahrzehnten durchlebte es nämlich den dynamischen Wandel von der armen Überschwemmungs- zur florierenden Hochtechnologie-Region.

Im Juni 1855 hiess es Heerbrugg und dem Rheintal «Land unter» Bild: zVg

Vor 100 Jahren: Gründung der Wild Heerbrugg

Beim Schlossgut der Familie Schmidheiny in Heerbrugg und mit ihrem Geld entstand 1921 die später in Wild Heerbrugg umbenannte Firma «Heinrich Wild, Werkstätte für Feinmechanik und Optik», die mit den Konstruktionen ihres genialen Chefs die Vermessungstechnik gleich mehrfach revolutionierte. Auch nach Wilds Abgang konnte das Unternehmen mit seinen Vermessungsgeräten weltweit überzeugen, gleichzeitig aber auch in anderen Bereichen Fuss fassen. Heute gehört es als Leica Geosystems AG nach wie vor zur Weltspitze.

...heute ein moderner High-Tech-Industrie-Cluster Bild: zVg

Ein eindrücklicher Industriecluster

Ausgehend von Wild Heerbrugg entstand nach dem Zweiten Weltkrieg ein faszinierender Unternehmenscluster der Präzisionstechnologie. Dazu gehört die SFS, die vom Schraubenhändler zum grössten Rheintaler Unternehmen avancierte. Insbesondere in Nischenbereichen, dort aber an der Weltspitze, sind die Unternehmen Plaston, Heule, Berhalter, WZW, Zünd Precision Optics, Oertli Instrumente und Zünd Systemtechnik tätig. Weiter wird dieser Cluster durch Abspaltungen von Leica Geosystems ergänzt, die von Heerbrugg aus den Weltmarkt bedienen: Swiss Optic, Escatec Switzerland, Vectronix, APM Technica und Polymeca. Sie alle pflegen vielseitige Beziehungen in personeller, technischer und unternehmerischer Sicht.

  • Jacob und Elise Schmidheiny-Kaufmann mit den Söhnen Jacob (links) und Ernst am 11. März 1896. Bild: zVg
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  • Karl Völker (1796-1884), mutiger Visionär und Eisenbahnförderer Bild: zVg
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  • Wild Autograph A5 am Institut für Geodäsie und Photogrammetrie der ETH-Zürich, 1953. Bild: zVg
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  • Der verkehrstechnische Knotenpunkt in Heerbrugg blüht... Bild: zVg
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  • Hans Huber (links) und Josef Stadler Ende der 1950er Jahre. Bild: zVg
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  • Stammhaus (linker Teil) des Wild-Firmensitzes mit der ersten Erweiterung (rechter Teil), 1925. Bild: zVg
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  • Heinrich Wild um 1930 Bild: zVg
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Buchhinweis

Dieter Holenstein: Brennpunkt Heerbrugg. Vom Überschwemmungstal zum Hightech-Valley,
Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik, Band 118, hrsg. vom Verein für wirtschaftshistorische
Studien, Zürich 2021.
128 Seiten, 98 Bilder, 31 Franken
https://pioniere.ch/produkt/band-118/

  • Hochpräzisionsgeräte und .... Bild: zVg
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  • ...weltweit führende optische Messgeräte stammen aus Heerbrugg Bild: zVg
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Über den Autor

Dr. phil. Dieter Holenstein, St. Gallen, studierte Geschichte und Französische Literatur an den Universitäten Freiburg i. Ue., Bern und der Sorbonne in Paris. In Freiburg arbeitete er am Institut für Allgemeine und Schweizerische Zeitgeschichte drei Jahre lang als Assistent von Professor Urs Altermatt, bei dem er 1993 über ein wirtschafts- und sozialgeschichtliches Thema doktorierte. Nach längeren Studien- und Weiterbildungsaufenthalten in Südamerika, unter anderem in Bogotá, arbeitete er als Gymnasiallehrer auf dem ersten und zweiten Bildungsweg und unterrichtete daneben auch als Dozent für Allgemeine und Schweizerische Zeitgeschichte an der Universität Freiburg. Ausserdem beteiligte er sich immer wieder an historischen Forschungsprojekten. Dieter Holenstein ist ausgewiesener Kenner der Ostschweizer Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Er verfasste zahlreiche Beiträge in Fachbüchern, so auch der neuesten St. Galler Kantonsgeschichte, sowie geschichtliche Themenseiten in der «Neuen Zürcher Zeitung», dem «St. Galler Tagblatt», der «Ostschweiz am Sonntag» und anderen Printmedien. Zudem war er mehrere Jahre Vorstandsmitglied des Historischen Vereins des Kantons St. Gallen. Mit dem St. Galler Rheintal ist der Autor von seiner familiären Herkunft her eng verbunden.

pd/gmh/uh