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St. Margrethen
24.06.2022
26.06.2022 18:42 Uhr

«Ich dachte, ich bin im falschen Film»

Reto Friedauer: «Nein, ich wurde aus Wien noch nicht kontaktiert»
Reto Friedauer: «Nein, ich wurde aus Wien noch nicht kontaktiert» Bild: VN/Paulitsch
Reto Friedauer hat als Präsident der Agglomeration Rheintal und als St.Margrethner Gemeindepräsident den «Vorarlberger Nachrichten» ein aufsehenerregendes Interview gegeben, das wir mit Zustimmung des Autors Mag.Klaus Hämmerle veröffentlichen.

Reto Friedauer (59) ist nicht nur Gemeindepräsident der 6000 Einwohner zählenden Schweizer Grenzgemeinde St. Margrethen, sondern auch Obmann des sogenannten Agglomerationsprogramms, das sich mit einer grenzüberschreitenden Entwicklung des Rheintals in den verschiedensten Bereichen beschäftigt. Bezüglich S 18 gibt sich Friedauer unmissverständlich. Er versteht nicht, dass das jahrelang vorbereitete Projekt plötzlich infrage gestellt wird.

Sie waren bei der Planungsausstellung über die S18 in Lustenau. Was für Eindrücke haben Sie mit nach Hause über den Rhein genommen?

Ich fand es gut, dass man so eine Informationsveranstaltung auf die Beine gestellt hat. Ich war nur erstaunt über die Vielzahl der Gegner des S18-Projekts. Das hätte ich so nicht erwartet. Nichtsdestotrotz ist es gut, wen man offen und transparent informiert.

Wie beurteilen Sie die Entwicklungen rund um die geplante Entlastungsstrasse?

Bis vor einem Jahr gingen wir davon aus, dass wir alle unsere regionalen Verkehrsfragen auf Basis einer hochrangigen Autobahnverbindung würden lösen können. Und dann kam der Entschliessungsantrag aus Wien zur Prüfung von Alternativen. Da spricht man plötzlich von einer hochrangigen Verbindung bei Diepoldsau, obwohl das so nie vorgesehen war. Bei «Mobil im Rheintal» war immer klar, dass je mehr man mit einer leistungsstarken Autobahnverbindung nach Süden rückt, desto mehr verliert sie an Wirksamkeit. Im Rahmen dieses sehr guten und fundierten Planungsprozesses unter Miteinbeziehung einer Heerschar von Experten wurden 25 Varianten geprüft, zwei blieben am Ende übrig. Ich habe nicht das Gefühl, dass man jetzt durch eine neuerliche Prüfung plötzlich den Stein der Weisen findet. Es ist einfach: Wenn man die jetzige Variante nicht umsetzt, dann wird der Verkehr weiter durch die Dörfer führen. Dafür habe ich kein Verständnis. Es ist eine österreichische Angelegenheit, für Klarheit zu sorgen.

Wie haben Sie die Nachricht aufgenommen, dass die österreichische Mobilitätsministerin Gewessler Alternativen zum S18-Projekt prüfen will?

Ehrlich, ich bin erschrocken. Ich dachte, ich bin im falschen Film. Weil irgendwann ist genug evaluiert. Irgendwann muss man ein Projekt auf die Beine stellen. Das darf natürlich nicht naiv sein. Da müssen alle Aspekte geprüft sein. Aber ich glaube, dass man beim jetzt vorliegenden Vorhaben alle Hausaufgaben gemacht hat. Man hat auch viel Geld reingesteckt, aber am Ende lag ein fundiertes Projekt am Tisch.

Reto Friedauer: «Es ist klar, dass wir eine Verbindung im Norden des Rheintals brauchen» Bild: VN/Paulitsch

Könnte es nicht sein, dass die nun geprüften Varianten nicht doch die gewünschte Verkehrsentlastung bringen?

Das glaube ich nicht. Noch einmal. Wir müssen doch etwas haben, das verkehrswirksam ist. Und da ist klar, dass wir eine Verbindung im Norden des Rheintals brauchen. Wir müssen schon Klarheit darüber bekommen, was diese nun ins Spiel gebrachten Alternativen für die betroffene Region bedeuten und welche Entlastung sie bringen.

Wurden Sie von den Prüfern dieser Alternativen, wie vom Ministerium verkündet, bereits kontaktiert?

Nein, ich wurde nicht kontaktiert. Vielleicht bin ich da auch für das Ministerium in Wien die falsche Flughöhe. Ich weiss auch nicht, welche Schweizer Stellen bereits kontaktiert wurden, ob überhaupt welche. Ich habe davon keine Wahrnehmung.

Wie wichtig wäre die S18 für St. Margrethen?

Wir hatten lange grössere Stausituationen bei uns. Das hat sich zwischenzeitlich gebessert. Aber natürlich führt auch Schwerverkehr durch unser Dorf. Vor allem im Bereich des Bahnhofs. Wenn dieser und der Individualverkehr zum Bruggerhorn hin verlagert werden könnten, würde das dem Dorf eine grosse Freiheit geben. Natürlich mussten wir aber auch die Interessen der Naherholung beim Bruggerhorn im Auge behalten.

Bis zur Verwirklichung einer höherrangigen Querverbindung zwischen den beiden Rheintalautobahnen wird sich der Verkehr durch die Gemeinden quälen Bild: HB

Wie lange können Sie noch den für die Errichtung eines grossen Zollamts vorgesehenen Standort beim Bruggerhorn freihalten?

Dieser Standort bleibt für Verkehrsinfrastrukturprojekte reserviert. Wir haben dort eine Landwirtschaftszone. Da soll sich nichts ändern.

Als Obmann des Vereins Agglomeration haben Sie ja einiges Positive zu berichten. Wie ärgerlich ist vor diesem Hintergrund die ungelöste Verkehrssituation?

Es ist ärgerlich. Schauen sie die Wirtschaftsleistung auf beiden Seiten des Rheins an. Wir haben sehr viele High-Tech-Firmen mit grossem Exportanteil, die sehr viel zur regionalen Wertschöpfung beitragen. Dass man angesichts solcher Tatsachen nicht in der Lage ist, eine vernünftige Autobahnverbindung zu schaffen, ist absolut unerfreulich. Derzeit stehen im Agglomerationsprogramm Gott sei Dank Radwege- und Fussgängerprojekte im Mittelpunkt.

Wie beurteilen Sie die Entwicklungen beim Hochwasserschutzprojekt Rhesi?

Rhesi ist ein riesiges, gleichwohl wichtiges Projekt. Wir brauchen schnellstmöglich einen effektiven Hochwasserschutz. Es müssen jedoch auch andere Aspekte berücksichtigt werden. Für uns in St. Margrethen zum Beispiel die Instandhaltung der Trinkwasserversorgung.

Wie erleben Sie den gemeinsamen Wirtschafts- und Kulturraum Rheintal aktuell?

Sehr positiv. Das gemeinsame Bewusstsein für Fragestellungen, die uns auf beiden Seiten des Rheins etwas angehen, sind gestiegen. Das betrifft Bereiche wie Besiedelung, Verkehr, Landschaft. Aber: Wir haben natürlich den Rhein in der Mitte und eine EU-Aussengrenze.

rheintal24/Mag. Klaus Hämmerle