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Heerbrugg
13.12.2021
14.12.2021 10:46 Uhr

«Externen als auch internen Wettbewerb nehmen wir sportlich»

Leica-CEO Thomas Harring
Leica-CEO Thomas Harring Bild: Gian Kaufmann
Seit Februar 2020 ist Thomas Harring CEO der Leica Geosystems AG. Er blickt anlässlich des 100-Jahre-Jubiläums in die Zukunft – die bei Leica schon begonnen hat.

Seit Februar 2020 ist Thomas Harring CEO der Leica Geosystems AG. Er blickt anlässlich des 100-Jahre-Jubiläums in die Zukunft – die bei Leica schon begonnen hat.

Leica Geosystems ist seit 2005 Teil des schwedischen Technologiekonzerns Hexagon AB. Innerhalb der Hexagon AB hat Harring auch die Gesamtverantwortung der Geosystems Division übernommen. Der 50-Jährige verfügt über langjährige Führungserfahrung in der Leica Geosystems, in die er 2003 eintrat und seit 2011 die Verantwortung als COO/CFO innehatte. Davor arbeitete er als Senior Management Consultant in globalen Strategie- und IT-Projekten bei einer internationalen Beratungsfirma in Düsseldorf. Harring hat ein Diplom in technisch orientierter Betriebswirtschaftslehre der Technischen Universität Stuttgart.

Thomas Harring, zum 100-Jahr-Jubiläum lanciert Leica Geosystems neuartige Roboterlösungen, z.B. für einen hundeähnlichen vierbeinigen Roboter und zusätzlich auch einen fliegenden Sensor mit Laserscanning- und GNSSTechnology. Was können die beiden Innovationen?
Das Leica BLK ARC ist ein autonomes Laserscanning-Modul für Roboter. Es ist für die Integration in Roboterträger konzipiert, um autonomes mobiles Laserscanning mit minimalem oder ganz ohne menschlichen Eingriff zu ermöglichen. Die Benutzer können einfach einen Scanpfad planen und das BLK ARC zum autonomen Scannen einsetzen. Repetitive Tätigkeiten oder auch Tätigkeiten in schwer zugänglichen oder gefährdeten Bereichen, ob auf dem Bau, in Unterhalt oder für Sicherheitslösungen, werden so unterstützt. Der Leica BLK2FLY hingegen ist ein autonom fliegender Laserscanner mit fortschrittlicher Hindernisvermeidung zur unkomplizierten Umgebungserfassung aus der Luft. Der Einsatz ist sehr einfach: Aufklappen, mit einem Tastendruck einschalten, auf dem Boden platzieren – Sie sind abflugbereit. Aussenflächen von Gebäuden, Strukturen und Umgebungen können aus der Luft präzise und autonom erfasst werden.

Ist damit KI die Zukunft auch für Leica Geosystems?
Künstliche Intelligenz ist schon heute integraler Bestandteil vieler unserer Sensor- und Softwarelösungen und wird künftig eine noch stärkere Rolle spielen, wenn es darum geht, aus Daten umsetzbare Erkenntnisse für die Entscheidungsfindung abzuleiten. Unsere Kundenlösungen helfen die Effizienz, Produktivität, Qualität und Zuverlässigkeit zu steigern ohne Nachhaltigkeit oder Sicherheit zu beeinträchtigen.

Welche weiteren Innovationen sind hier geplant?
Wir werden die bestehenden Sensor- und Softwarelösungenweiterentwickeln und gemeinsam mit unseren Kunden vieleneue Anwendungen erarbeiten. Damit lassen wir die Datenfür und nicht gegen unsere Kunden arbeiten.

««Künstliche Intelligenz ist schon heute integraler Bestandteil vieler unserer Sensor- und Softwarelösungen.»»

Ein Stichwort, das hierbei immer wieder fällt, ist der «digitale Zwilling», der vor allem im Bauwesen und bei der Städteplanung zum Einsatz kommt. Was sind seine Vorteile?
Die nahtlose Verbindung zwischen der realen und digitalen Welt hilft im Bau sicherzustellen, dass wie geplant gebaut wird und eventuelle Abweichungen frühzeitig aufgezeigt und dokumentiert werden. Dies lässt sich nicht nur, aber auch im Hinblick auf die Entwicklung des industriellen Bauens anwenden. In der Stadtplanung können digitale Zwillinge vielfältige Analysen wie etwa die quantitative Untersuchung der Grünraumversorgung unterstützen und dann Simulationen ermöglichen, z.B. wie die Überhitzung von Städten vermieden werden kann. Wir nennen die von uns erzeugten präzisen und in Echtzeit nutzbaren Digitalen Zwillinge Intelligente Digitale Realitäten.

Ich nehme an, auch bei Leica Geosystems verlagert sich das Innovationspotenzial immer mehr von der Hard- zur Software.
Unsere Strategie war und bleibt, dass wir beides machen, wir werden weiterhin in die Sensortechnologie investieren und in Software. Durch die technologische Konvergenz wie z.B. Sensorfusion oder Edge Computing wird sich der Softwareanteil auf dem Sensor weiter erhöhen. Autonome, nachhaltige Lösungen brauchen Sensoren zur Datenerfassung und -vorbereitung und Software-Lösungen zur Analyse und Simulation.

Seit einigen Jahren verkauft Leica Geosystems auch Daten. So stellen Sie etwa aus Luftaufnahmen dreidimensionale Stadtbilder her, womit etwa der Luftaustausch simuliert werden kann. Wie wichtig wird das Gewinnen, Analysieren und Handeln mit Daten für Leica Geosystems?
Es gibt viele Daten ohne Information oder direktem Kundennutzen. Wir arbeiten gemeinsam mit unseren Kunden, um die notwendigen Informationen bereitstellen zu können. Die Daten können entweder von Kunden erfasst oder von uns bereitgestellt werden.

Seit 2005 hat sich der Umsatz von Leica Geosystems auf rund 1,5 Milliarden Euro verdreifacht, unter anderem durch Zukäufe von etwa 50 Firmen. Wie weit wollen – oder müssen – Sie noch wachsen?
Umsatzwachstum ist für uns kein Selbstzweck, sondern wir sind überzeugt, dass es weltweit enormen Bedarf an autonomen, nachhaltigen Lösungen gibt, um Effizienz und Sicherheit in der Infrastruktur und vielen anderen Bereichen zu steigern. Wir werden weiterhin wachsen mit den Anforderungen und Aufgaben, die Kunden heute und morgen mit uns lösen wollen. Für die nächsten 15 Jahre haben wir uns viel vorgenommen und wir werden weiterhin stark sowohl auf organisches Wachstum als auch Wachstum durch Zukäufe setzen.

Ihre «Vision 2030» sieht eine Neugestaltung des Innovationsparks in Heerbrugg vor. Angefangen werden soll mit einem 70-Millionen-Neubau eines Hochhauses für F&E. Das zeigt, dass Sie an den Standort Heerbrugg glauben?
Ja, unsere Innovationsfabrik Heerbrugg ist stärker denn je und wird auch künftig ein wesentlicher Standort bleiben. Die Innovationskraft lebt unvermindert fort.

Leica beschäftigte im Jahr 2005 rund 900 Mitarbeiter in der Schweiz, heute sind es 1600. auch global hat sich der Personalbestand in der gleichen Zeit von 2400 auf rund 6000 mehr als verdoppelt. Finden Sie jeweils genügend Fachkräfte für Ihre anspruchsvollen Produkte?
Wie viele Unternehmen sind auch wir bereits von dem Mangel an Fachkräften betroffen und die Suche gestaltet sich nicht immer einfach. Wir sind aber überzeugt, dass wir mit unseren bewährten Strategien und als attraktiver Arbeitgeber weiterhin die notwendigen Fachkräfte finden, an uns binden und qualifizieren werden.

««Aussenflächen von Gebäuden, Strukturen und Umgebungen können aus der Luft autonom erfasst werden.»»

Beim Bau des neuen Gotthard-Eisenbahntunnels steuerten Vermessungsgeräte aus Heerbrugg die Bohrmaschinen. Auch beim Bau des höchsten Wolkenkratzers Burj Khalifa in Dubai und der längsten Hängebrücke der Welt über den Bosporus in Istanbul kamen Geräte von Leica Geosystems zum Einsatz. Haben Sie eigentlich noch Mitbewerber oder dominiert Leica Geosystems den Weltmarkt?
Je nach Marktsegment und Produktbereich haben wir unterschiedliche Wettbewerber, aber mit viel Stolz können wir behaupten, in den jeweiligen Bereichen Nummer 1 oder 2 zu sein. Externen als auch internen Wettbewerb nehmen wir sportlich. Dieser spornt uns an, noch besser zu werden.

««Externen als auch internen Wettbewerb nehmen wir sportlich.»»

Zum Schluss: Der Wert der Leica-Aktie ist heute rund 30 Mal höher als vor 16 Jahren, als Leica von Hexagon übernommen wurde. Geht die Steigerung so weiter?
Sie können sicher verstehen, dass ich keine Aktienempfehlungen, auch nicht zu unserer Aktie, geben kann. Ich kann Ihnen aber empfehlen, sich unsere Portfolios an zukunftsweisenden Kundenlösungen und natürlich unsere leidenschaftlichen Mitarbeiter anzuschauen, denn hinter unserem erfolgreichen Unternehmen stehen faszinierende Menschen. Ich traue uns für die Zukunft eine Menge zu.

Dieser Text ist aus der LEADER Ausgabe November/Dezember 2021. Die LEADER-Herausgeberin MetroComm AG aus St.Gallen betreibt auch stgallen24.ch und rheintal24.ch.

pd/rheintal24/leaderdigital.ch