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Balgach
12.05.2021
14.05.2021 19:10 Uhr

«Ich müsste knallhart zusperren»

Thomas und Heidi Kaufmann mit Söhnchen Arno auf ihrem Erdbeerfeld
Thomas und Heidi Kaufmann mit Söhnchen Arno auf ihrem Erdbeerfeld Bild: Ulrike Huber
Thomas und Heidi Kaufmann betreiben im Berneckerriet in Balgach eine Landwirtschaft. Sie würden bei einem JA für die beiden Agrarinitiativen vermutlich ihre Existenz als Erdbeer- und Fleischproduzentern verlieren. Ein Augenschein.

«Die beiden Agrarinitiativen, die im Juni zur Abstimmung gelangen, sind ganz einfach zu extrem», klar und deutlich sagt Thomas Kaufmann seine Meinung. «Ohne Toleranz und ohne Spielraum für die Bauern – das geht gar nicht.» Kaufmann hat auf seinem Hof im Berneckerriet in Balgach vierzig Milchkühe stehen und züchtet mit fünfzig Mutterschweinen Ferkel, die mit 25 Kilogramm weiterverkauft werden. Als drittes Standbein wird ein Erdbeerfeld zum Selberpflücken betrieben.

Die Hofgebäude der Landwirtschaft der Familie Kaufmann im Berneckerriet bei Balgach Bild: Ulrike Huber

Grosszügiger heller Laufstall

Die Kaufmanns betreiben eine mittelständische, tierfreundliche Landwirtschaft, auf der sie die Vorgaben des IP-Suisse-Labels einhalten. Für die Milchkühe wurde vor einigen Jahren mit hohen Investitionskosten ein grosszügiger heller Laufstall errichtet, in dem sich die Tiere sichtlich wohlfühlen. Sie können liegen, stehen, laufen so lange sie wollen und so viel sie wollen. Und bekommen ausschliesslich Futter aus silofreier Produktion. Also frisches Gras oder Heu. Das Ergebnis darf sich dann «Heumilch» nennen. Die gesamte Milchprodukton verkauft Kaufmann an eine einzige Sennerei. Es wird ausschliesslich Appenzeller Käse daraus hergestellt.

  • Die Kaufmanns in ihrem erst vor wenigen Jahren errichteten grosszügigen und hellen Laufstall Bild: Ulrike Huber
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Die landwirtschaftlich nutzbaren Flächen des Hofs der Familie Kaufmann umfassen etwa dreissig Hektaren. Davon sind richtliniengemäss 2,5 Hektaren extensive Flächen, also nur zweimal im Jahr gemähte Wiesen und Weiden, und 0,5 Hektaren Blühstreifen, sogenannte Bienenwiesen. «Das Futter aus eigener Produktion würde nur für die Kühe ausreichen. Sogar ein Teil des Kraftfutters könnte man noch selbst anbauen. Aber aufgrund des Maiswurzelbohrers muss man bei Mais jedes Jahr die Anbaufläche wechseln, da würde ich bald anstehen.»

Mit der Schweinehaltung ist es dann vorbei

Die Agrarinitiativen zielen ja unter anderem darauf, dass jeder Bauer nur mehr soviel Futter an seine Nutztiere verfüttern darf, als er selbst auf eigenen Flächen produzieren kann. Bei Zukäufen würde der die Direktzahlungen verlieren. «Dann ist es bei uns mit der Schweinehaltung vorbei. Und nur von der Milch mit Direktzahlung könnten wir zwar gerade so überleben, aber keine wirkliche Existenz aufbauen und keine Investitionen mehr tätigen. Einer von uns beiden müsste dann ausserhalb des Betriebs eine zusätzliche Arbeit antreten. Wir müssten unsere Lehrlinge entlassen.»

  • Die vierzig Milchkühe führen auf dem Hof der Familie Kaufmann ein glückliches Leben Bild: Ulrike Huber
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Wobei man sich ja fragen muss, womit die gehaltenen Schweine auf Höfen wie jenem der Familie Kaufmann denn eigentlich gefüttert werden? Stefan Muntwyler, ebenfalls Bauer, erläutert: «Mit überschüssigen Lebensmittelprodukten, mit deklassiertem Getreide, das für den Menschen nicht geeignet ist. Mit Biertreber und Zuckerrübenschnitzel. Alles Dinge, die man selbst nicht anbauen kann und zukaufen muss. Ausserdem gäbe es dann bald keinen Markt mehr für Futtergetreide. Was die Ostschweiz stark treffen würde, denn bei unserer verstärkten Gras- und Weidelandhaltung, muss man verstärkt mit Kraftfutter einen Ausgleich schaffen.»

Sojafutter nicht vom Amazonas sondern aus dem Donaugebiet

Aber auch hierzu muss gesagt werden, dass der hierzulande verfütterte Sojaschrot – es werden ja nicht die Bohnen selbst, sondern die Abfälle aus der Ölproduktion verfüttert – nicht aus Südamerika, sondern aus dem Donaugebiet stammen.

Der bei der Besichtigung des Anwesens von Thomas und Heidi Kaufmann ebenfalls anwesende Widnauer Präsident des St.Galler Bauernverbandes Peter Nüesch ergänzt, dass gerade in den letzten Jahren von den Landwirten hohe Investitionen ins Tierwohl und im ökologischen Bereich gemacht worden sind. Wenn die Betriebe künftig weniger rentabel arbeiten müssen, werden auch diese Investitionen zurückgehen.

Thomas Kaufmann, Landwirt mit Leib und Seele, muss bei Annahme der Agrarinitiativen um seine Lebensexistenz fürchten Bild: Ulrike Huber

Vierzig Prozent weniger Lebensmittel erzeugt

Man schätzt derzeit beim Bauernverband, dass bei Annahme der beiden Agrarinitiativen in der Schweiz um rund vierzig Prozent weniger Lebensmittel erzeugt würden. Weniger Lebensmittel, die durch höhere Importe kompensiert werden müssten. Importe aus dem Ausland, wo weit weniger strenge Tier- und Umweltschutzbestimmungen vorgegeben sind. «Da sieht man, dass die Initiativen zwar in die richtige Richtung schauen, aber wenig durchdacht sind und nur von Leuten stammen können, die keinen Bezug zur Landwirtschaft haben», bringt es Peter Nüesch auf den Punkt. Man habe ja Verständnis dafür, dass die meisten nicht verstehen, welche Kreise die Verbote der beiden Initiativen ziehen werden.

Denn es geht ja bei der Annahme der Initiative noch weiter. Durch das Verbot von Chemikalien in der Landwirtschaft wären auch Reinigungsmittel etwa für Melkmaschinen, Biozide und normale Desinfektionsmittel nicht mehr erlaubt.

Peter Nüesch, Präsident des St.Galler Bauernverbandes: «Innerhalb der letzten zehn Jahre wurden 40 Prozent weniger Pflanzenschutzmittel und 50 Prozent weniger Antibiotika eingesetzt als zuvor.» Bild: Ulrike Huber

Erdbeeren vor Pilzbefall schützen

Als drittes Standbein neben Kühen und Schweinen betreiben die Kaufmanns eine kleine Erdbeerfarm. Ein Areal, wo jeder selbst seine schönsten Erdbeeren pflücken kann. Was in diesem nasskalten Frühjahr noch bis Ende Mai dauern wird, bis die Früchte reif sind. «In feuchten Jahren müssen wir die Beeren vor Pilzbefall schützen. Sollte man das nicht mehr dürfen, dann gibt es auch keine Ernte. Und ein ganzes Jahr mühsame Handarbeit wäre vergeblich gewesen», ergänzen Heidi und Thomas Kaufmann.

Die Landwirte sind sich einig: die Bauern sind in den letzten Jahren ohnehin vorwärts gegangen, waren sehr innovativ. Die Schweiz ist vorbildlich in Richtung Bio unterwegs. Für alle Produkte, die in der Schweiz produziert werden können. «Die wirksamste Massnahme wäre die Nachfrage durch die Konsumenten. Denn wenn alle Bio kaufen wollen, dann würde diese Nachfrage binnen kurzem auch abgedeckt», gibt Peter Nüesch zu denken, «Ohnehin ist bei uns der Regionalitätsgedanken fast höher als der Biogedanken. Was haben wir alles schon gemacht. Innerhalb der letzten zehn Jahre wurden 40 Prozent weniger Pflanzenschutzmittel und 50 Prozent weniger Antibiotika eingesetzt als zuvor.»

Die Rheintaler Bauern stehen geschlossen gegen die Annahme der Agrarinitiativen: v.l. Josef Oeler, Peter Nüesch, Stefan Muntwyler, Heidi und Thomas Kaufmann Bild: Ulrike Huber

Pestizidgesetz bereits beschlossen

Ausserdem habe das Parlament ja bereits das Pestizidgesetz beschlossen, das den Einsatz derselben bis 2027 um weitere fünfzig Prozent senken wird. «Und wir haben im Rheintal ganz bestimmt keine das Trinkwasser gefährdende Überdüngung. Denn der Mist und die Gülle, die die Nutztierlandwirtschaft produziert, wird bilanziert. Was zuviel ist, bringen wir nicht auf dem eigenen Boden aus, sondern liefern über die nationale Datenbank an jene Gemüsebauern, die dringend Dünger benötigen», klären Thomas und Heidi Kaufmann auf.

Die Agrarinitiativen

«Für sauberes Trinkwasser und gesunde Nahrung - Keine Subventionen für den Pestizid- und den prophylaktischen Antibiotika-Einsatz - Trinkwasserinitiative»

Diese Initiative verlangt, dass Direktzahlungen nur noch unter folgenden Voraussetzungen ausgerichtet werden: Landwirschaftsbetriebe müssen pestizidfrei produzieren, sie dürfen in der Tierhaltung Antibiotika weder vorbeugend noch regelmässig einsetzen und sie müssen in der Lage sein, ihre Tiere ausschliesslich mit Futter zu ernähren, das sie selber produzieren. Übergangsfrist acht Jahre.

«Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide - Pestizidinitiative»:

Die Initiative will synthetische Pestizide in der Schweiz verbieten. Davon betroffen wären Landwirtschaft, Lebensmittelproduktion und Verarbeitung von Lebensmitteln, die Pflege öffentlicher Grünanlagen und privater Gärten sowie der Schutz der Infrastruktur, wie etwa Bahngleise. Nicht erlaubt wäre zudem der Import von ausländischen Nahrungsmitteln, die mithilfe von synthetischen Pestiziden hergestellt wurden oder solche enthalten. Übergangsfrist zehn Jahre.

 

gmh/uh