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Wirtschaft
02.06.2022
03.06.2022 14:18 Uhr

«Rheintal ist kein Krisental, sondern ein Chancental»

Bundesrätin Karin Keller-Sutter fand sehr persönliche Worte zur Entscheidungsfindung in der Pandemiezeit
Bundesrätin Karin Keller-Sutter fand sehr persönliche Worte zur Entscheidungsfindung in der Pandemiezeit Bild: Ulrike Huber
Das 27. Rheintaler Wirtschaftsforum zum Thema «Risiko, Verantwortung, Führung – wie wir in und nach Krisen zukunftsfähig bleiben» überzeugte 800 Besucher durch stupende Referenten, einen grossartigen Überraschungsgast und beste Stimmung.

Noch nie stürmten so viele Besucher das Rheintaler Wirtschaftsforum. Etwa 800 Vertreter aus Industrie, Handel, Wirtschaft und öffentlichem Leben waren gekommen, um hochkarätige Referenten zum Thema «Risiko, Verantwortung, Führung – wie wir in und nach Krisen zukunftsfähig bleiben» zu hören. Und um sich nach langer Covid-Pause untereinander auszutauschen. Um zu netzwerken oder einfach privat mit alten Kollegen zu plauschen.

«Ich bin nur als Regierungsrat hier»

Eröffnet wurde das 27. Rheintaler Wirtschaftsforum durch «Regierungspräsident“ Marc Mächler. So hiess es jedenfalls noch in der Einladung und im Programm. Was Mächler natürlich gleich korrigierte. «Seit drei Tagen bin ich nicht mehr Regierungspräsident. Ich bin also nur als Regierungsrat hier und überbringe die Grüsse der Kantonsregierung.» Und Mächler blickte ein wenig zurück.

  • Regierungsrat Marc Mächler überbrachte die Grüsse der Kantonsregierung Bild: Ulrike Huber
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Das Wirtschaftsforum sei wegen Corona zweimal verschoben worden, einmal habe es einen Online-Ersatz gegeben. Heuer wurde in den Juni verschoben. Und wichtig sei, dass es jetzt stattfinde: «Das Rheintaler Wirtschaftsforum ist für die ganze Region und auch über die Grenzen hinaus von höchster Relevanz.» Mächler referierte über den hohen Stellenwert von Industrie und Wirtschaft im Kanton St.Gallen und urgierte, dass das Verhältnis zwischen der Schweiz und der EU unbedingt geregelt werden müsse. Das sei für St.Gallen als Grenzkanton wie für das Rheintal als Grenzregion von eminenter Wichtigkeit.

  • Markus Meli begrüsste die Anwesenden im Namen der Sponsoren Bild: Ulrike Huber
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Wie man richtige Entscheidungen trifft

Das einleitende Referat zum Thema «Risiko – wie man richtige Entscheidungen trifft» wurde vom Psychologen und Risikoforscher Gerd Gigerenzer gehalten. Risiken seien Chancen, ohne Risiken keine Innovation, kein Fortschritt. «Ich lade ein zu einer Reise in die Forschung über Risiko und behandle die Risikokommunikation in der Pandemie, die Risikokultur in Unternehmen und möchte Ihnen näherbringen, wie riskante Entscheidungen zu treffen sind.»

  • Psychologen und Risikoforscher Gerd Gigerenzer Bild: Ulrike Huber
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Gigerenzer unterschied in statistisch berechenbare und nicht berechenbare Risiken. Für die nicht berechenbaren Risken brauche es Heuristisches Denken und Intuition. Gerade in der Pandemie sei sichtbar geworden, dass wir in einer zahlenblinden Gesellschaft leben. Intuition hingegen bestehe aus gefühltem Wissen, dass auf vielen jahren Erfahrung ruht. Was man tun oder lassen sollte, kann man aber nicht begründen.«Intuition ist ein Geschenk. Das Gegenteil ist bewusstes Nachdenken.»

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Offensive Entscheidungskultur

Der Risiko- und Zukunftsforscher plädierte zusammenfassend dafür, dass in den Unternehmen wieder eine offensive Entscheidungskultur eingeführt werde, in der Entscheidungen «aus dem Bauch heraus» getroffen werden können. Ohne defensives Entscheidungsmanagement, das nach Fehlentscheidungen, die immer passieren können, nach einem externen Berater schreit, der dann das frühere Handeln zu rechtfertigen habe. «Wir bewegen uns von einer Entscheidungkultur zu einer Vermeidungskultur!» Was schleunigst zu korrigieren sei.

  • Ursula Nold, Präsidentin der Verwaltung des Migros-Genossenschaft-Bund Bild: Ulrike Huber
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Mit Ursula Nold, der ersten Präsidentin der Verwaltung Migros-Genossenschaft-Bund, die zum Thema «Resilienz: Nachhaltig auch in Krisenzeiten» referierte, war es den Veranstaltern gelungen, eine der wenigen Frauen, die einem der wirklich grossen Unternehmen der Schweiz vorstehen, zu engagieren. Ursula Nold versuchte die Frage zu beantworten, wie die Migros eigentlich als «Riesendampfer» durch die Pandemie gekommen ist?

Textilindustrie der Ostschweiz als Beispiel

Wie können Unternehmen in und nach einer Krise zukunftsfähig bleiben? Als Beispiel zitierte Ursula Nold die Textilindustrie in Ostschweiz, die in der grossen Textilkrise am Verschwinden war und heute in der obersten Liga, in der Haute Couture mitspielt. Dahinter stehe die Art und Weise, wie wir mit Entscheidungen umgehen, und uns immer wieder aufraffen.

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Aber was verstehen wir eigentlich unter «Resilienz»? Ein gutes Beispiel sei der Schwamm, der immer wieder in die ursprüngliche Form zurückkommt. Oder das Stehaufmännchen. Die schönste literarische Definition stamme von Samuel Beckett: «Immer versucht. Immer gescheitert. Egal. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.» Resilienz ist die Widerstandskraft, die Fähigkeit, sich auf das Wesentliche konzentrieren zu können.

  • Auch die Rheintaler Unternehmerlegende Arthur Philipp war unter den Gästen Bild: Ulrike Huber
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Gottlieb Duttweiler als Meister des Scheiterns

Resilienz bedeutet also, im Scheitern weiter zu machen. Gottlieb Duttweiler sei ein Meister des Scheiterns gewesen. Scheitern kann auch der Beginn einer Erfolgsstory sein. Duttweiler habe in der Rezession sein ganzes Gut verloren. «Aber er glaubte weiter an sich. Ging nach Brasilien als Zuckerrohrbauer, scheiterte und kehrte 1925 zurück. Bewerbungen scheiterten. Diese Rückschläge motivierten ihn, die Migros zu gründen und seine Ideen umzusetzen. Heute noch sind seine Grundsätze das Fundament der Firma», so Ursula Nold in ihrem Vortrag.

In einer Krise müsse man internes und externes Umfeld verstärkt beeinflussen, ist sich Ursula Nold sicher. So wie es in der Migros in zwei Tagen mit der Alkoholverkaufabstimmung Ja oder Nein geschehe.

Moderatorin Sonja Hasler leitete zum Vortrag des Nestlé CEO Mark Schneider über Bild: Ulrike Huber

Der weltgrösste Nahrungsmittelkonzern

Auch der nächste Vortragende des Rheintaler Wirtschaftsforums war wieder ein «Kapazunder». Mark Schneider, CEO von Nestlé, dem weltgrössten Nahrunsmittelkonzern. Das grösste Industrieunternehmen der Schweiz. Und er hatte zum Thema «Unternehmensführung in unsicheren Zeiten» viel zu sagen. Denn derzeit gehen die Krisen nahtlos ineinander über.

Einleitend sah Schneider auf die Corona-Pandemie zurück und erläuterte, dass bei Nestlé zum Glück sofort, nämlich schon im Februar 2020, Massnahmen gesetzt und Masken bestellt wurden. «Und wie sich herausgestellt hat, haben die Masken ja das beste Kosten-Nutzen-Verhältnis aller Coronaschutzmassnahmen.» Das Wichtigste in unsicheren Zeiten sei also entschiedenes und rasches Handeln.

  • Mark Schneider, CEO von Nestlé Bild: Ulrike Huber
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«Die Welt mag keine Krisenprofiteure»

Noch überraschender als die Pandemie sei die nächste Krise gekommen. Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine. Und was festzustellen sei: «Es gibt bei diesen Krisen kein definiertes Ende. Wichtig ist, nach vorne zu schauen, um sich bedingungslos auf die neue Realität einzustellen. «Und bei allem gilt für uns: die Welt mag keine Krisenprofiteure! »

Über das ganze negative Geschehen, über die ganzen Krisen dürfte laut Mark Schneider das Umfeld nicht vergessen werden. «Wir müssen Essen bereitstellen, gleichzeitig unsere wirtschaftliche Fähigkeit behalten. Denn mit Lebensmitteln ist die soziale Verantwortung verbunden. Nochmals: die Welt mag keine Krisenprofiteure!» Aus dieser Denkweise heraus ist das Vorgehen Nestlés in Russland erklärbar. Dort hat sich der Konzern aus dem Luxusmarkt, wie zum Beispiel Nespresso zurückgezogen, liefert aber weiterhin Säuglings- und Kleinkindnahrung sowie medizinische Nahrungsmittel.

  • Bundesrätin Karin Keller-Sutter referierte zum Thema «Politische Führung in Krisen» Bild: Ulrike Huber
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Zum Abschluss wand Mark Schneider der Stadt und der Region St.Gallen einen Kranz. Er habe fünf glückliche Jahre an der Uni St.Gallen erlebt. Und dabei nur 350 Franken Studiengebühr pro Jahr zahlen müssen. Dafür eine Ausbildung erhalten, die die St.Galler Bürger jedes Jahr viele Tausende gekostet habe. «Das habe ich nie vergessen und viel dabei gelernt.»

Politik ist ständiges Krisenmanagement

Last but not least kam Bundesrätin Karin Keller-Sutter zum Thema «Politische Führung in Krisen» zu Wort. Und zitierte gleich Deutschlands Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt, der gesagt hatte «Politik ist ständiges Krisenmanagement.» Das sei interessant, weil gute politische Führung gerade nicht von der Art der Lage abhängig sei. Schnell, mit kühlem Kopf analysieren, die grosse Linie nicht aus den Augen verlieren, und sich trauen, zu entscheiden. Obwohl man noch nicht alle Konsequenzen kennt. «Man darf nicht aus Angst vor Fehlern gar nicht entscheiden», so Keller-Sutter.

Sonja Hasler und Medienguru Reinhard Frei verabschiedeten Referenten und Gäste Bild: Ulrike Huber

Führen ist manchmal eine anstrengende Herausforderung

«Der Alltag von uns allen drehte sich lange nur um Corona. Um Risiko, Verantwortung und Führung. Diese Pandemiezeit wirkt wie eine ferne Erinnerung, seit Russland die Ukraine überfallen hat. Ein Krieg mitten in Europa. Millionen Flüchtlinge, die auch zu uns in die Schweiz kommen, drohende Hungersnöte in armen Ländern. Inflation.» Bundesrätin Karin Keller-Sutter beschrieb die aktuelle Situation, in der der Bundesrat seine Entscheidungen treffen muss.

Wobei der Bundesrat nicht unfehlbar, aber eine gute Institution sei. «Führen in einer Konkordanzregierung ist manchmal eine anstrengende Herausforderung. Aber Konkordanz und Föderalismus gehört zu den wichtigsten Grundsätzen.» Diese Grundsätze seien nicht entscheidend perfekt, sie machten die Politik immer akzeptabel und transparent. «Und letztlich sind wir gar nicht schlecht aus Pandemie gekommen.»

Übernahme der EU-Sanktionen

Auch in Sachen Russlandkrise seien die richtigen Massnahmen mit der Übernahme der EU-Sanktionen, die auch nicht gegen Neutralität verstossen, sehr rasch gefasst worden. Schnelle Entscheide sind und waren auch in der Flüchtlingspolitik notwendig. «Von Anfang an haben sich die Schweizer Bürger solidarisch gezeigt. Trotz historisch hoher Flüchtlingszahlen können wir nicht von Krise sprechen.» Die Ukrainer hätten in der Schweiz Schutz und Sicherheit erhalten.

 

Nach einigen Stunden voller Referate durften die Zuhörer sich beim Apéro riche stärken Bild: Ulrike Huber

In der abschliessenden Fragerunde fand die Bundesrätin dann sehr persönliche Worte: «Ich bin gewählt worden, um die Freiheit der Leute zu schützen. Und dann müssen wir einen Lockdown verhängen und eine Mobilmachung ausrufen. Und Grenzschliessungen verfügen. Die allerdings sehr fraglich waren und ausser Bürokratie in Wahrheit nichts gebracht haben. Wir haben eine liberale Coronapolitik gemacht und sind dabei natürlich auch Risken eingegangen. Der Bundesrat muss für alle Leute entscheiden und die vulnerablen Gruppen schützen.»

Verabschiedet wurden Referenten und Zuhörer dann von Medien-Guru Reinhard Frei, der viele Jahre hindurch die Rheintaler Wirtschaftsforen veranstaltet hat. «Das heutige volle Haus mit achthundert Besuchern hat eines gezeigt: Das Rheintal ist kein Krisen-, sondern ein Chancental.»

rheintal24/gmh/uh