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Berneck
23.01.2022

Alle Emotionen in einer Stimme vereint

Sopranistin Jeanine de Bique (Mitte) und das Barockorchester «il prete rosso» gaben ein höchststehendes Konzert
Sopranistin Jeanine de Bique (Mitte) und das Barockorchester «il prete rosso» gaben ein höchststehendes Konzert Bild: Ulrike Huber
Eine der wohl schönsten Stimmen der Opernwelt war am Samstagabend in der evangelischen Kirche in Berneck zu Gast. Die junge Sopranistin Jeanine de Bique trat mit dem Barockorchester «il prete rosso» auf.

Was für eine Erscheinung! Was für eine Stimme! Was für ein grossartiges Konzert! Nur ganz selten verirrt sich eine solch stimmgewaltige klassische Sopransängerin von internationalem Format ins kleine Rheintal. Nur ganz selten sind hier Arien von solch hoher Qualität zu hören.

Barockorchester und Opernsängerin

Ja, es war ein schöner Abend, den das semiprofessionelle St.Galler Barockorchester «il prete rosso» zusammen mit der aus Tobago stammenden Opernsängerin Jeanine de Bique den Klassikfans in der evangelischen Kirche Berneck bereitete.

Bild: Ulrike Huber

Unter dem Thema «La Voce della Donna» war ein exquisites Programm aus selten gespielten Barockopern von Georg Friedrich Händel, Heinricht Graun, Riccardo Broschi und Gennaro Manna zusammengestellt worden. Das besondere daran: Es war im Barock durchaus üblich, das mehrere Komponisten sich an dasselbe Libretto hielten.

  • Jeanine de Bique ist eine der derzeit besten Koloratursängerinnen Bild: Ulrike Huber
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Zwei Arien aus Opern zum selben Thema

So wurden denn auch jeweils zwei Arien von verschiedenen Komponisten von gleichlautenden Opern vorgetragen. So aus «Rodelinda», dem Opus über eine langobardische Königin, den zunächst den Verlust ihres Gatten betrauert und dann dessen Widerkehr bejubelt. So aus «Deidamia», die sich in Achill verliebt hatte, der dann gegen ihren Willen von Ulisse für den Krieg gegen Troja rekrutiert wurde.

Die beiden Arien aus «Alcina» beschreiben eine skrupellose Zauberin, die ihr ganzes Leben damit zubringt, ihre steinige Insel durch die Verwandlung ihrer abgelegten Liebhaber in Pflanzen und Blumen in ein Paradies zu verwandeln. Und abschliessend gab es Arien aus «Giulio Cesare in egitto» bzw. «Cesare e Cleopatra», deren Liebesgeschichte ja auch weniger Geschichtskundigen bekannt ist.

  • Michaela Schuster führte das Publikum mit sachkundigen Kommentaren zu den vorgetragenen Werken durch den Abend Bild: Ulrike Huber
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Jeanine de Bique lebte sich in die verschiedenen weiblichen Persönlichkeiten, die sie in den Arien verkörperte, hinein. War einsam, sehnsüchtig, wütend, aber auch fröhlich. Füllte den vollbesetzten Raum der evangelischen Kirche in Berneck mit ihre Stimme bis in die hintersten Winkel aus.

  • «Il prete rosso» und Sängerin Jeanine de Bique bildeten eine harmonische Einheit Bild: Ulrike Huber
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Zur absoluten Höchstform gefunden

Und fand nach vielen Highlights in den beiden am Schluss des Konzerts gesungenen Koloraturarien zu absoluter Höchstform. Die in Trinidad geborene Sängerin, die schon zum Stammpersonal der Wiener Staatsoper gehörte und im Theatre de Champs-Elysees in Paris die vielumjubelte Hauptrolle in der Oper «Rodelinde» gespielt hatte, schwang sich mit ihrer Stimme in ungeahnte Höhen empor.

Die Klassik-Fans im beinahe ausverkauften evangelischen Kirchhaus waren begeistert Bild: Ulrike Huber

Scheinbar mühelos meisterte die Diva die Schwierigkeiten der Koloratur, einer schnellen Abfolge von Tönen mit kurzen Notenwerten oft gleicher Länge. Die Virtuosität der bis dahin oft nur als Improvisation verwendeten Koloraturen steigerte sich im Spätbarock. Jener Epoche, aus der die in Berneck vorgetragenen Werke stammen.

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Sprünge und gebrochene Akkorde

Damals wurde von den virtuosesten Sängern und Sängerinnen immer häufiger nicht nur Läufe, sondern auch Sprünge und gebrochene Akkorde verlangt, wie sie auch in der Violin- und Tastenmusik modern waren. Eine wichtige Rolle spielten bei dieser Entwicklung die Primadonnen dieser Zeit, wie Faustina Bordoni, Caterina Gabrielli oder Lucrezia Agujari.

Jeanine de Bique errang sich mit Leichtigkeit die Zuneigung des Publikums. Auch durch ihre Natürlichkeit. So als sie ein Missgeschick eines Mitmusikers mit herzlichem Lachen quittierte. Bild: Ulrike Huber

Jeanine de Bique stellt sich mühelos in eine Reihe mit den grössten Koloratur-Primadonnen gestern und heute. Die berühmteste Koloraturarie ist übrigens jene der Königin der Nacht in Mozarts Meisterwerk «Die Zauberflöte», die aus dem Zeitalter der Klassik stammt und in der der Tonumfang ausgedehnt und die Obergrenze erreicht wurde.

Brillant gespielt

Noch ein Wort zum Barockorchester «il prete rosso». Dieser elfköpfige Klangkörper unter der musikalischen Leitung von Andreas Westermann spielte ebenfalls brillant. Man hörte und sah der Sopranistin Jeanine de Bique an, wie wohl sie sich mit dieser exzellenten Begleitung fühlte.

Wohl gefühlt hat sich auch das Publikum, das die gezeigte stimmgewaltige Leistung mit lang anhaltendem und zwei Zugaben forderndem stehenden Applaus würdigte und mit den klatschenden Bekundungen seiner Zuneigung die Primadonna sichtlich rührte.

rheintal24/gmh/uh